Sein Name ist Viktor, nicht Bond. Als Entwicklungshelfer bereist er im Auftrag einer deutschen Organisation Länder in Europa, Asien und Afrika. Jetzt ist er in Pakistan. In einem Dorf im Punjab hat er die Aufgabe, den Leuten die Herstellung von Puppenschuhen zu erklären. Dabei wird er konfrontiert mit dem Mord an einem Taxifahrer und einer mehrköpfigen Familie. Sind die Morde religiös bedingt oder ist es eine Organmafia, die auch im Rotlichtmilieu Lahores ihr Unwesen treibt? Er wird zum Fahnder nach den Mördern und verfolgt ihre Spuren bis in den Himalaja.

Leseprobe: Hinter Gittern.


Fahim, Blanki und der Springer belegen im Polizeigefängnis von Lahore getrennte Zellen und warten auf ihre Verurteilung. Der Boss ist verschwunden, der Knollennasenmann und Fahim gingen der Polizei ins Netz. Nicht, weil Cops den Zugriff durchführten. KO-Tropfen setzten sie außer Gefecht. Durch die Prozedur des Waterboardings, die Fahim in Todesängste versetzte, erfuhr die Staatsgewalt dann den Aufenthalt des Springers. Ein voller Erfolg also?
Wohl kaum, denn solange nicht auch Farakhi geschnappt ist, besteht keine Aussicht, das Kartell der Drogenbande zu zerschlagen. Der Mann wird als leitender Kopf angesehen.
Drei bisher in Erscheinung getretene Mitglieder der Bande sind glücklich hinter Gitter gebracht worden, doch die Organisation ist möglicherweise umfangreicher als bislang bekannt. Äußerungen des Fahim lassen darauf schließen.
Die weiteren Ermittlungen wären besser in Händen der Leute vom Fach angesiedelt.
Die besten Aussichten, relativ ungeschoren davonzukommen, besitzt Blanki. Er war zwar im Rotlichtmilieu als 'Beschützer' von Labid und Shiva aktiv, hat sich gegenüber der Schwester von Labid allerdings meistens korrekt benommen. Nur wenn er gewisse Anwandlungen spürte, hat er gelegentlich seine 'Anrechte' von der Schwalbe eingefordert. Sie konnte sich dem nicht widersetzen. Dann wäre ihr die lukrative Einnahmequelle weggebrochen. Und wenn Zuhälter sich einmal ein Pferdchen zugeritten haben, geben sie es nicht wieder her.
Da waren die Verfehlungen des Fahim durchaus gravierender. Lügnereien und Vertuschungsversuche brachten ihn bereits nahe an den Abgrund, und als er schließlich doch noch den Namen des Dritten im Bunde preisgab, hatte er quasi sein eigenes Todesurteil gesprochen. Denn würde er aus dem Polizeigewahrsam freikommen, hat er lebenslang mit der Rache der Verpfiffenen zu rechnen, sofern die nicht auch gefasst werden.
Das bislang unbeschriebene Blatt des Springers gibt Rätsel auf. So viel ist allerdings nun bekannt, dass er ein Intimus des Farakhi ist. Er kam mit dem Boss von einer Autotour in die Kaschemme des Ghulam Agha und nahm da an der Opiumorgie teil. Weitgehend ungeklärt ist jedoch weiterhin, wie es da zum Tod der Wirtsfrau gekommen ist. War es wirklich ein Unfall, bei dem sie sich das Genick brach, oder ist da noch etwas nachgeholfen worden. Viktor hatte ja das unterdrückte Grinsen des Wirtes bemerkt. Er hatte vorgehabt, sich von ihr zu trennen. So war es billiger, denn er brauchte die Scheidungskosten nicht zahlen.
Was den Springer schwer belastet, ist das Auge von Onkel Akbar.
Er hatte ja außerhalb der Hütte anhand der Fußspuren bemerkt, dass jemand lahmen müsse. Und der Springer lahmt, hat deshalb wohl auch diesen Spitznamen verpasst bekommen. Was ihn an Farakhi bindet, ist auch für Onkel Akbar noch nicht schlüssig. Hat er den Vertrieb von Opium zu regeln, oder sind ihm noch andere Aufgaben zugeteilt? Hat er Neider und Feinde? Seitdem er einsitzt, sinnt er darüber nach, wieso die Polizei ihn verhaftet hat. Es ist doch nur ein kleiner Kreis, der seine Identität und den oft wechselnden Aufenthaltsort kennt. Auch wenn er derzeit hinter Gittern sitzt: Der Springer lässt selbst aus dem Knast heraus Verbindungen spielen und wird alles daransetzen, das Leck im Boot zu finden. »So einfach werden meine Felle nicht davonschwimmen«, ist er von sich überzeugt.

Es hatte sich in Polizeikreisen herumgesprochen, dass Onkel Akbar verwundet im Krankenhaus gelegen hatte und jetzt im Mordfall des Zeitungsreporters auf Spurensuche ist. Wenn sich die Behörde auch bisher nicht weiter um den Mord an der Familie in Gogera Khas kümmerte, scheint ihr Interesse an dem Fall nunmehr geweckt zu sein. Anees Yaqub lässt Akbar zu sich bitten.
»Assalamo aleikum, lieber Akbar Sahib. Schön, dass wir uns einmal wiedersehen. Wie geht es Ihnen?« Der Polizeichef kommt Akbar bis an die Tür entgegen, was eine besondere Ehrbezeugung ist.
»Schukria! Ich fühle mich sehr geehrt, von Ihnen empfangen zu werden.«
Es folgen die üblichen Floskeln, dann wird Tee und Gebäck gereicht, als beide in samtweichen Sesseln Platz genommen hatten. Akbar ist sich bewusst, dass es sich nicht nur um einen Höflichkeitsbesuch handelt. Anees Yaqub Sahib benötigt seinen Rat.
Es vergeht einige Zeit, bis man auf den Grund der Einladung zu sprechen kommt. Das gebietet der Verhaltenskodex.
»Ich hoffe, Sie sind nach Ihren Verletzungen vollständig wieder hergestellt, und wie ich hörte, mit Ihrem deutschen Bekannten auf der Suche nach Messerstechern und Giftmördern. Drei Personen sitzen hinter Gittern, die mit diesen Morden in Verbindung gebracht werden könnten, wobei es bislang keinerlei Anhaltspunkte gibt, weshalb eine ganze Familie auf so heimtückische Art vernichtet worden ist. Auch Sie hatten nicht die Spur einer Ahnung oder Verdacht?«
»Nein, noch immer nicht.«
»Haben Sie mal davon gehört, dass in letzter Zeit Banden mit Organhandel groß ins Geschäft einsteigen?«
»Ich hörte es, dass gelegentlich arme Leute ihre Niere verkaufen. Auf freiwillige, wenn auch verbotene Weise. «
»Ja, die Hinweise verdichten sich. Und darum vermuten wir, dass diese Familie in Gogera Khas deshalb sterben musste. Könnten Sie sich vorstellen, dass aus Profitgier Menschen umgebracht werden?«
Akbar lehnt sich in seinem Sessel zurück, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und blickt zur Decke. »Allahuakbar, das würde manches erklären!«
Dem Spurensucher fällt es wie Schuppen von den Augen. Amjad hatte doch mitgeteilt, dass die Getöteten aus Gogera Khas zur Bestattung nach Multan gebracht worden seien. Wie, wenn das nur vorgetäuscht und die Leichen in Wirklichkeit geöffnet wurden, um deren Organe zu entnehmen? Wurde die Frau des Ghulam Agha eventuell ebenso geschändet? Denn Amjad berichtete doch, dass er den Eindruck hatte, der Wirt möge ihn möglichst bald lieber von hinten sehen. Also darauf drang, dass er die Kamele nehmen und wegreiten solle. Hatte der Kerl ein besonderes Interesse daran, vielleicht die Befürchtung, dass Amjad nach dem Grab der Frau fragen würde? Denn er hatte ihm ja aufgetragen, sie ehrenvoll zu begraben.
Akbars Überlegungen fallen beim Polizeichef auf offene Ohren.
»Das klingt alles sehr plausibel. Dem müssen wir nachgehen. Organhandel im Punjab – das ist eine Masche, die nicht um sich greifen darf. Ich werde eine Spezialtruppe zusammenstellen aus hoch qualifizierten Beamten. Mir scheint, dass der flüchtige Farakhi der Kopf einer Bande ist, die nicht nur ihre Hände in Prostitution und Rauschgift, sondern auch im Handel mit menschlichen Organen hat. Dazu braucht er kooperative Helfer. Auch medizinisch Ausgebildete.«
Anees Yaqub überlegt. »Ich bin fast überzeugt, dass er mit dem Springer, dessen richtigen Namen wir noch nicht kennen, eine gemeinsame Tour unternommen hat, wobei sie erste Erfahrungen sammeln wollten. Dabei lief ihnen der Taxifahrer über den Weg. Vielleicht war der ein Widersacher, ein Konkurrent, und wurde deshalb umgebracht? Eventuell aber nur ein Zufallsopfer. Und die Familie ein Test, um herauszufinden, wie professionell vorzugehen ist, um möglichst kostenlos an Organe heranzukommen. Aber noch etwas muss gegeben sein. Ein Profi, ein Arzt, der die Innereien fachgerecht entnimmt und in eine Kühlkette bringt. Wenn das nicht ist, wäre jeglicher Aufwand nutzlos.
Von uns wird ein Stab von Fachleuten zusammengestellt. Wir werden diesen Sumpf austrocknen, ehe er große Dimensionen annimmt.«
Das war ein sehr erkenntnisreiches Gespräch, das Onkel Akbar mit Anees Yaqub führte. Er ist überzeugt, dass sich hier jetzt einiges bewegen wird.
Das Nächstliegendste ließ der Polizeichef zuerst erledigen. Noch in der Nacht stand plötzlich ein Polizeiwagen vor der Kaschemme in Chak Akbar Wala. Man hatte gehofft, den Wirt beim Kiffen mit irgendwelchen Leuten anzutreffen. Das ergab sich nicht so, doch er wurde von seiner Lagerstatt zum Verhör geholt. Noch schlaftrunken und nur schamhaft bekleidet, verlangt er Auskunft für den Überfall, wie er es nannte.
»Wir hätten uns mal gerne mal mit dir unterhalten,« erhält er barsch zur Antwort.
»Zu dieser Zeit? Da holt ihr mich aus dem Schlaf? Was gibt es denn, das nicht bis morgen warten kann?«
»Wir werden nicht erst geruhsam Tee trinken. Kommen wir gleich zur Sache. Wo hast du deine Frau begraben?«
Mit so einer Frage hat Ghulam Agha ja nun überhaupt nicht gerechnet. Er dachte, das Thema wäre schon lange erledigt, denn der Todesfall lag ja bereits mehr als drei Wochen zurück.
»Die, die« stottert er, »mein Weib ist in Multan der Erde übergeben worden.«
»Weshalb in Multan? Warum nicht hier in Chah Akbarwala? In Chah Akbarwala gibt es doch auch einen Friedhof. Oder Jhang? Das ist doch viel näher als Multan. Und was ist in da besser als hier, wo du doch deiner Frau verbundener wärest, ihrer zu gedenken?«
»Die Grabstelle hier ist sehr viel teurer als in Multan.«
»Du lügst. Und das versuchst du immer wieder, wie uns gesagt wurde. Wir fahren sofort mit dir dahin, zum Begräbnisplatz, und da wirst du uns das Grab der Frau zeigen. Hat sie bereits einen Grabstein?«
»Der Steinmetz hat schon einen Stein in Auftrag. Wird mich viel Geld kosten.«
»Das Grab ist also noch ohne Gedenkstein. Aber ein Erinnerungsmal ist dir deine Frau doch wert?«
Dem Wirt war gar nicht wohl, als er sich ins Auto zu setzen hatte, um das Gräberfeld der etwa 190 Kilometer entfernten Stadt aufzusuchen. Die Polizisten sind überzeugt, dass da etwas nicht stimmt. Das Ganze weitet sich zu einer großen Aktion aus. Weshalb sonst bekämen die Cops den Auftrag von ihrem Chef, von Lahore nach Chah Akbarwala zu fahren und, als es da kein Ergebnis gab, sogar Multan als Ziel anzufahren.
Je näher die Eskorte dem Ort kommt, desto jämmerlicher schaut der Wirt. Mehrmals hatte das Auto anzuhalten, weil Ghulam Agha sich am Straßenrand erleichtern musste. Die unverhoffte Reise ist ihm auf den Darm geschlagen. Doch dann gewinnt seine Gerissenheit wieder die Oberhand. Was kann ihm denn schon nachgewiesen werden. Sein Weib ist da begraben, und damit basta. Er ist der festen Überzeugung, weit weg von Chah Akbarwala wird niemandem jemals etwas auffallen.
Er wird die Polizisten zum Grab führen, und gut ist es. Dachte er. Nicht so die polizeiliche Bekanntschaft. Der kam das Grab reichlich flach vor.
»Hier liegt also deine Frau begraben. Behauptest du. Doch auch wenn sie nach den Vorschriften des Korans der Erde übergeben wurde, sind ja höchstens drei Wochen vergangen. Weshalb ist denn der Grabhügel kaum zu sehen? In so kurzer Zeit kann der sich nicht so abgesenkt haben. Was sagst du denn dazu?«
»Hat vielleicht jemand Sand für seine Hütte gebraucht. So schöner weißer Sand findet sich nicht überall.«
»Im Geschichtenerzählen bist du fast so perfekt wie der weit bekannte Rai Muhammad Ali. Doch hier werden wir der Sache auf den Grund gehen. Du wirst das Grab wieder öffnen, und wir sehen dann mal, was darinnen liegt.«
Da blieb dem Wirt, der sich so gerissen wähnte, nichts Weiteres übrig, als im Schweiße seines Angesichts den Sand zu schaufeln. Nie zuvor hatte er sich so zu verausgaben. Das haben stets andere für ihn erledigt. Jetzt steht die Staatsmacht erwartungsvoll dabei und wartet auf das Ergebnis der Grabung.
»Ja, so war es früher, als jemand zum Tod durch Steinigen verurteilt war. Der hatte auch sein eigenes Grab zu graben. Aber du wirst hier ja nicht beerdigt werden, sondern nur aufdecken, was hier vergraben wurde. Wir warten.«
Er schuftet weiter, bis er einen Schrei ausstößt: Er ist auf einen Körper gestoßen, eingewickelt in ein weißes Leinentuch. »Schau nach, ob es deine Frau ist,« hört er von oben rufen.
»Ich kann nicht.«
»Sollen wir die Grube mit dir zuschütten? Nimm das Tuch weg und sag uns, ob sie es ist. Dann helfen wir dir wieder hinauf, denn wir werden dich noch brauchen.«
»Allah hilf mir, ja, sie ist es.«
»Rede: Wie kommt die Frau hierher?«
Dem Ghulam Agha, was übersetzt "Diener" bedeutet, ist die Sprache abhandengekommen. Der massige Mensch wirkt wie ein Häufchen Elend.
Es klingt dumpf aus der Tiefe, wie aus der Unterwelt, als er wimmerte: »Ich habe die Frau an die Mafia verkauft.«
Man hilft ihm nach oben, obwohl er besser neben seiner Frau mit Erde zugeschüttet worden wäre. Aber erstens dürfen Polizisten keine Selbstjustiz üben, und zweitens wird der Wirt dringend als Zeuge benötigt.
Er muss auspacken. Ist er nur Mitwisser, oder fest in das System eingebunden? Ist dieses möglicherweise eine Begräbnisstätte, auf der auch andere Mafiaopfer bestattet worden sind?
Noch am offenen Grab hat er die ersten Fragen zu beantworten. »Wie ist dein Verhältnis zu Farakhi? Dass er nur ein gelegentlicher Übernachtungsgast ist, wie du behauptest hast, nehmen wir dir nicht mehr ab. In der Kneipe ist zu viel passiert. Du versorgst manche Leute mit Alkohol, was verboten ist, wahrscheinlich auch mit Opium, was ebenso unerlaubt ist. Jetzt ein Todesfall, und das möglicherweise nicht der erste unter deinem Dach. Und irgendwie bist du in den Organhandel, der besonders verabscheuungswürdig ist, verstrickt. Du kannst gleich hier ein Geständnis ablegen, oder wir bringen dich, gefesselt natürlich, nach Lahore. Da haben wir schon eine Sammlung von Verdächtigen, und du wirst dann die Mannschaft verstärken. Na, wie ist, was hast du zu sagen?«
»Farakhi ist nur ein gelegentlicher Übernachtungsgast, wie ich dem Onkel Akbar bereits sagte, und die Niere meiner Frau habe ich abgegeben, weil sie sowieso schon tot war. Sonst habe ich mit solchem Handel nichts zu tun.«
»An wen hast du das Organ verkauft, und ist es wirklich nur dieses eine, das ihr entnommen wurde? Nicht auch Leber und Lunge? Wir werden den Leichnam untersuchen lassen.«
Der Polizeikommissar nimmt sein Handy und tippt ein paar Zahlen. Anees Yaqub meldet sich auf der Gegenseite.
»Wir sind auf dem Gräberfeld von Multan und haben die Leiche, die Frau des Wirtes, von ihm selber in ihrem Grab freigelegt. Sie ist ordentlich in einem weißen Leinentuch begraben, und der Ghulam Agha hat mir auch schon gestanden, eine Niere seiner Frau, doch erst nach ihrem Tod, an die Mafia verkauft zu haben. Wer jedoch zu dem Syndikat dazugehört, wüsste er nicht. Und das kommt mir gelogen vor. Das werden doch Leute sein, die was vom Sezieren verstehen, also Ärzte. Außerdem sind die Organe tiefgekühlt zu verwahren. Nur so können sie ihren Zweck erfüllen. Dazu wird ein spezielles Auto benötigt. Wer verfügt darüber?