Der Marsch ins Verderben beginnt mit der Kindheit des Rudolf in Rübenau, einem kleinen Dorf im Erzgebirge in unmittelbarer Nähe der Grenze zur Tschechoslowakei. Rudolf ist ein Kind des Erzgebirges.

Seine Jugend in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg ist von Not geprägt. Daher folgt er dem Ruf der Nazis und wird Mitglied der NSDAP.

Als SS-Hauptmann wird er einer der maßgeblichen Männer im KZ Auschwitz und bekämpft  auch polnische Partisanen hinter den Linien der kämpfenden Truppe.

Sein Nachbar Anton entstammt einer Familie  mit einem jüdisch klingenden Namen. Als die Nationalsozialisten an die Macht gelangen, wird  seine Familie im KZ Flossenbürg inhaftiert. Neben dem Familiennamen Grynszpan ist auch der Geburtsfehler seines Bruders Artur ein Grund der Verhaftung.

Nur seine Liebe zu der Tschechin Jana aus Kalek lässt Anton die Schikanen und Quälereien der Peiniger ertragen. Er hofft auf ein Wiedersehen mit seiner Frau und dem kleinen Bruno, als er noch zum Kampf an der Westfront eingezogen wird. Doch wird er das Kriegsende erleben? 

480 spannende Seiten um Krieg und Liebe, um Armut und Überlebenswillen. 

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Kapitel Antons Liebe in Kalek


Rübenau an der deutsch-tschechischen Grenze wurde in das politische Geschehen kaum hineingezogen. Man lebte hier weiterhin recht weltabgeschieden, Telefon und Radio besaßen nur wenige, Neuigkeiten sind eher von Mund zu Mund verbreitet worden.
Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: Anton meinte ebenfalls, die Frau seines Lebens gefunden zu haben.
Durch die grenzgängerischen Schmuggeltouren der vergangenen Jahre hatte er Bekanntschaften im tschechischen Kalek geknüpft. Jetzt erinnerte er sich an Jana, die ihm bereits als Schulbub aufgrund ihres spitzbübischen Lachens und ihrem Witz aufgefallen war. Sie wird wie Anton etwa 20 Lenze zählen. Er möchte sie mal wiedersehen, doch auf normalem Weg, nicht über die verschlungenen Pfade, auf denen er sich oft dreckige Schuhe und nasse Kleidung geholt hatte.
Es ist kein weiter Weg nach Kalek. Nur knappe 3 Kilometer. An einem der wenigen arbeitsfreien Wochenenden, einem Sonntag, nahm er all seinen jugendlichen Mut zusammen. Frühmorgens, bei herrlichem Sommerwetter, marschierte er in erzgebirglerischer Trachtenkleidung los.
An der Zollstation, dem Grenzübergang, wurde er begrüßt: »Morschn, Andon. Wie gehdsn so?«
»Gudde«
»Hasch jo kä Arbetshusn o, wohi wisch de?«
» Een abmohrgsen«
»Oh ha, do loass di net drwischn«
»Na, na, de bis bälde.«
» Kimm gudde zrügge«
Auch auf der tschechischen Seite hatte Anton keine Schwierigkeiten, die Grenze zu passieren. Man kannte sich. Es war ein freundschaftliches Miteinander.
Er schritt forsch aus, und nach einer halben Stunde hatte er den Ort erreicht. Die beste Gelegenheit, hier jemanden zu treffen, war Sonntag morgens in der Kirche oder im Wirtshaus beim Umtrunk. Er hatte Jana viele Jahre nicht gesehen und wusste nicht, wie es ihr ergangen war und ob sie nicht etwa bereits vergeben war. Doch einer Eingebung vermochte er schwer zu widerstehen. Sonst würde er mit ewigen Selbstvorwürfen zu leben haben.
Just zum Gottesdienstbeginn kam Anton in Kalek an und setzte sich auf eine der hinteren Kirchenbänke. Hier hatte er alles treffend im Blick, sah die Gläubigen allerdings nur mit ihrer Rückseite. Aber er hoffte, falls Jana in der Kirche wäre–und der Besuch ist ein Gebot für jeden Ortsansässigen–würde er sie wiederzuerkennen. Ihr spitzbübisches Lächeln könnte sie verraten. Auch in diesem Gotteshaus.
Die überwiegende Mehrheit der Bewohner Kaleks bekennen sich katholisch, Anton nicht. Er hatte aber keinerlei Hemmungen, das Kirchengebäude zu betreten, wenn's zu der damaligen Zeit auch keineswegs üblich war, mit der anderen Konfession in Kontakt zu treten. Ökumene war noch ein unbekanntes Wort. Die Liturgie ist ihm fremd, doch er brauchte sich ja nur unauffällig zu verhalten. Dann begeht er keinen Fehler.
In Rübenau ist die Einwohnerschaft dagegen protestantisch. Bei den Grynszpans gab es jedoch manche Bräuche, die vom Protestantismus abweichend sind. Anton kennt es nicht anders und ist überzeugt, dass sie zum evangelischen Glaubensbekenntnis dazugehören.
Es war durchaus ungewöhnlich, dass er die Messe als Evangelist und Mann aus Rübenau hier erlebt. Und als am Ende des Gottesdienstes die Teilnehmer die Kirche zu verlassen beginnen, war er recht angespannt. Ist Jana dabei, würde er sie entdecken?
Sie schritt im Mittelgang auf den Ausgang zu, am Arm ihres Vaters, und erkannte ihn auf den ersten Blick. Sanfte Augen weiteten sich vor Überraschung, ein Lächeln, spitzbübisch wie früher, strahlte über ihr Gesicht. Auch Anton war freudig erregt, hatte er doch das Gefühl, dass sie ihn zumindest nicht vergessen hatte.
Weiterhin am Arm des Papis erwartete sie Anton vor der Kirche. Die Tschechen sind erstaunt, den Deutschen hier anzutreffen, denn Janas Vater kannte Anton ebenfalls. Die Schmuggeltouren des Jungen waren auch ihm noch in Erinnerung.
Hüben wie drüben spricht man einen erzgebirgischen Dialekt, etwas unterschiedlich zwar, aber gut verständlich.
»Dos is aber een Ubrasching. Gehdsn gudde?«

»Kimm, gemma eikehrn. In dr Kneip hutzn net bluß Mannsn, s warn aa Weibsn drinne«.
Üblicherweise pilgern nur die Männer nach dem Kirchgang ins Wirtshaus. Das ist hier wie in Deutschland ein ähnlicher Brauch. Heute jedoch ist ein Ausnahmetag. Die Hausfrauen sind vom Herd verbannt, weil der Tag der Weiblichkeit gefeiert wird. Der soll mit ein paar Maß und einem herzhaften Imbiss begangen werden. Jede Kirchgängerin erhielt auch am Kirchenportal eine Rose zugesteckt. Jana wäre solo nie in das Gasthaus gegangen, doch heute ist der Ehrentag aller Frauen. In Begleitung ihrer Männer nehmen sie am Umtrunk teil. Anton fiel auf, dass ihre Mutter nicht dabei ist.
Es war in den Augen der Dorfjugend eine Provokation, dass dieser Deutsche hier aufkreuzte. Wagt der etwa, mit Jana anzubändeln? Na warte, Bürschlein.
Die wussten ja nicht, dass das Zusammentreffen rein zufällig war, meinten, das sei abgesprochen. Missgünstige, ja feindselige Blicke trafen Anton, der sich aber davon nicht beeindrucken ließ. Er genoss es, mit Jana und ihrem Vater zusammen zu sein.
Aufgrund ihrer fröhlichen Art hat das Mädel zwar viele Verehrer aus Kalek und Načetin, einem nahe gelegenen Ort, doch für einen festen Freund konnte sie sich bisher nicht entscheiden. Jeder dieser Burschen ist auf andere eifersüchtig. Man möchte Jana für sich allein besitzen.
Deshalb hatte es manche Prügelei um sie gegeben, und genau das gefiel dem liebenswerten Mädel überhaupt nicht: Streit. Kein Gerangel um ihre Person, auch keinerlei Zwistigkeiten aus anderen Motiven. Das war der Hintergrund, weshalb sie sich bislang für niemanden der vielen Verehrer entscheiden mochte. 

Durch die Arbeit in der Nagel - und Waffenschmiede geht es Anton finanziell leidlich, jedenfalls besser, als den Tschechen hier. Es fällt ihm nicht schwer, für alle drei ein deftiges Mittagessen, sogar mit einer Flasche Wein, auszugeben. Bei anregenden Gesprächen entwickelte sich eine ungekünstelte Sympathie füreinander.
Janas Mutter war verstorben. Die Tochter führte ihrem alten Herrn den Haushalt, ihr Bruder war nach Prag verzogen. Papa Plicka und sein Mädel wollten aber in Kalek, ihrem Geburtsort, bleiben. Es war, als sei das von einer Vorsehung so beschlossen worden. Anton und Jana hätten einander sonst nie wiedergesehen.
Anton, Jana und Vater Plicka unterhielten sich so angeregt, als verkehrten sie schon lange miteinander. Und dabei lagen Jahre des Nichtsehens dazwischen. Die leicht unterschiedlichen Dialekte des erzgebirgischen waren kein Sprachhindernis, und die in den Kriegsjahren durchgeführten Schmuggeltouren ergaben ein ausgiebiges Gesprächsthema. Mit gemischten Gefühlen wurde sich an die Zeit des Krieges erinnert. Nie wieder so ein Gemetzel, war man sich einig.
Janas Vater war ebenso wie Antons Alter Herr im Berg beschäftigt gewesen. Auch er musste krankheitsbedingt den Beruf aufgeben. Daher konnte sich über manche Gemeinsamkeiten ausgetauscht werden. Die Konfessionen sind kein Hindernis.